Ein Gespräch mit unserem Lehrer Georg Hollerwöger-Kellner über seinen aktuellen Fachbeitrag im Fördermagazin Sekundarstufe.

Künstliche Intelligenz ist längst Teil des Alltags von Kindern und Jugendlichen – und damit auch eine zentrale Aufgabe für Schule. In der Ausgabe 3/2026 des Fördermagazins Sekundarstufe ist nun der Fachartikel „Otto, sag es einfacher – Ein KI-gestütztes Interview mit einem Otto-von-Lilienthal-Chatbot führen“ von unserem Lehrer Georg Hollerwöger-Kellner erschienen. Darin beschreibt er, wie KI-Assistenten im inklusiven Unterricht individuell unterstützen können – ohne das gemeinsame Lernen aus dem Blick zu verlieren.
Im Interview erläutert er, warum KI für ihn vor allem eine Frage der Bildungsgerechtigkeit ist, wie aus einem Schulprojekt eine Veröffentlichung wurde und weshalb praktische Erfahrungen für Lernen unverzichtbar bleiben.
Herr Hollerwöger-Kellner, worum geht es in Ihrem Beitrag?
Im Mittelpunkt steht ein Unterrichtsprojekt zum Thema Otto von Lilienthal. Die Schülerinnen und Schüler interviewen dabei einen eigens vorbereiteten KI-Assistenten, der die Rolle des Flugpioniers übernimmt. Das Ziel ist jedoch nicht, Informationen möglichst schnell zu erhalten. Die Kinder sollen lernen, gute Fragen zu stellen, Antworten zu verstehen, weiterzufragen und Aussagen kritisch zu überprüfen.
Die KI wird also nicht als Antwortmaschine eingesetzt, sondern als strukturierende Lernbegleitung. Sie kann Inhalte unterschiedlich erklären, sprachlich vereinfachen und Rückmeldungen geben. Entscheidend bleibt aber immer die pädagogische Einbettung durch die Lehrkraft.
Wie entstand die Idee für dieses Projekt?
Ausgangspunkt war eine Unterrichtsreihe zum Thema „Der Traum vom Fliegen“. Unsere Schule liegt in der Nähe des Lilienthalbergs, also an einem Ort, der einen unmittelbaren Bezug zu Otto von Lilienthal ermöglicht. Das Thema verbindet Geschichte, Naturwissenschaften, Technik und praktisches Forschen.
Zugleich beschäftigte mich die Frage, wie KI im Unterricht so eingesetzt werden kann, dass sie nicht zusätzliche Hürden schafft, sondern Barrieren abbaut. Auf der Schulwebsite habe ich zunächst über das Projekt berichtet: „KI an der KSSH – oder: Interview mit Otto von Lilienthal“
Daraufhin fragte mich Dr. Lea Schulz, ob ich die Idee als Fachartikel ausarbeiten möchte.
Das war während Ihrer Elternzeit. Warum haben Sie die Einladung dennoch angenommen?
Das war tatsächlich eine sehr intensive Zeit: zwei kleine Kinder, wenig Schlaf und eigentlich kaum freie Kapazitäten. Aber eine solche Einladung kann man nicht leicht ausschlagen – besonders, wenn sie von einer Person kommt, deren Arbeit man sehr schätzt. Danach wurde für ein paar Tage aus wenig Schlaf kein Schlaf.
Lea Schulz hat den Begriff der Diklusion geprägt: die Verbindung von digitaler Bildung und Inklusion. Ihre Arbeit zeigt, dass digitale Werkzeuge nicht bloß technische Ergänzungen sein dürfen. Sie müssen so gestaltet und eingesetzt werden, dass sie Teilhabe ermöglichen.
Für mich war außerdem klar: Im deutschsprachigen sonderpädagogischen Diskurs gab es zu diesem Zeitpunkt noch wenige Beispiele dafür, wie KI-Assistenten didaktisch reflektiert und technisch konkret für sehr heterogene Lerngruppen eingesetzt werden können. Ich wollte eine Vorreiterrolle einnehmen und den Lehrkräften zeigen, dass es umsetzbar und für unsere Schüler:innen hilfreich ist.
Was kann ein KI-Assistent im inklusiven Unterricht konkret leisten?
KI kann nicht die Lehrkraft ersetzen. Sie kann aber sehr gezielt unterstützen, wenn sie für die jeweilige Lerngruppe vorbereitet wird. Ein Assistent kann beispielsweise:
- Informationen in einfacher oder ausführlicher Sprache erklären,
- kurze und übersichtliche Antworten geben,
- wichtige Begriffe erläutern,
- zum Weiterdenken und Nachfragen anregen,
- Spracheingabe und Sprachausgabe einbeziehen,
- bei Bedarf mehrsprachige Verständnishilfen anbieten,
- Lernende ermutigen, ohne ihnen die Lösung vorwegzunehmen.
Das ist besonders relevant, wenn Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Voraussetzungen z.B. in den Bereichen Sprache, Lesen, Schreiben, Motorik oder Aufmerksamkeit mitbringen. Individualisierung muss dabei nicht bedeuten, dass jede/r Schüler:in an einem völlig anderen Thema arbeitet. Vielmehr kann ein gemeinsamer Lerngegenstand so aufbereitet werden, dass verschiedene Zugänge möglich sind.
Warum ist der KI-Einsatz für Sie vor allem eine Frage der Bildungsgerechtigkeit?
Weil Kinder und Jugendliche KI längst nutzen – allerdings unter sehr unterschiedlichen Bedingungen. Wer zu Hause Unterstützung, Geräte, Sprachkompetenz und Orientierung erhält, kann neue Technologien oft leichter für sich nutzen. Andere werden schnell zu bloßen Konsumentinnen und Konsumenten oder bleiben ganz außen vor.
Für mich ist es ein zentraler Bildungsauftrag, dass Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf nicht von der Kultur der Digitalität ausgeschlossen werden. Sie sollen nicht nur mit digitalen Entwicklungen konfrontiert werden, sondern sie verstehen, kritisch beurteilen und selbstbestimmt nutzen können.
Vielleicht lässt sich meine Haltung so zusammenfassen: Ich möchte in der Fachöffentlichkeit für die Perspektiven und Rechte von Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf eintreten. Sie dürfen zum Beispiel im Bereich KI weder übersehen noch auf vermeintliche Defizite reduziert werden. Ihr Recht auf Teilhabe schließt digitale und KI-bezogene Bildung ausdrücklich ein.
KI wird häufig kritisch gesehen. Welche Risiken sprechen Sie im Unterricht an?
Die Kritik ist berechtigt. KI kann falsche Informationen liefern, sie kann zu unkritischer Übernahme verleiten und sie wirft Fragen zu Datenschutz, Urheberrecht und Abhängigkeit auf. Deshalb gehört die kritische Prüfung von KI-Antworten zwingend zum Unterricht.
In unserem Projekt wurde eine unzutreffende Aussage des KI-Assistenten zum Ausgangspunkt einer Lerngelegenheit. Die Schülerinnen und Schüler verglichen die Antwort mit einer weiteren Quelle, diskutierten die Unterschiede und überprüften die Frage schließlich vor Ort. So wurde aus einem Fehler kein Scheitern, sondern ein Anlass für Quellenkritik und forschendes Lernen.
Die wichtigste Botschaft an die Kinder lautet deshalb: Eine KI kann hilfreich sein – aber sie hat nicht automatisch recht.
Welche Rolle spielen dabei analoge Erfahrungen?
Eine sehr große. Nach der digitalen Interviewphase bauten die Schülerinnen und Schüler Ringgleiter, testeten sie und ließen sie auf dem Lilienthalberg fliegen. Sie arbeiteten mit den Händen, probierten aus, veränderten ihre Modelle und beobachteten die Ergebnisse.
Solche Erfahrungen kann KI nicht ersetzen. Sie kann vielleicht einen Impuls geben, Wissen strukturieren oder Rückfragen beantworten. Aber Staunen, Bewegung, Zusammenarbeit und das konkrete Erleben bleiben unverzichtbar. Guter Unterricht braucht deshalb keine Entscheidung zwischen analog und digital. Er braucht eine sinnvolle Verbindung beider Bereiche.
Sie verbinden Unterrichtspraxis und wissenschaftliche Perspektiven. Ist das ein roter Faden Ihrer Arbeit?
Ja, das ist mir sehr wichtig. Ich möchte Unterricht nicht nur aus der Praxis heraus gestalten, sondern auch fachlich begründen, reflektieren und mit anderen diskutieren. Frühere Veröffentlichungen in den relevanten Fachzeitschriften beschäftigten sich beispielsweise mit evidenzbasierter Leseförderung, Leichter Sprache und interkultureller Pädagogik.
Besonders meine Forschung zu Lautlese-Tandems haben im deutschsprachigen Raum Pionierarbeit geleistet.
Was wünschen Sie sich für die weitere Diskussion über KI und Inklusion?
Ich wünsche mir weniger pauschale Begeisterung und weniger pauschale Ablehnung. KI ist da und weder eine Wunderlösung noch grundsätzlich ein Bildungsrisiko. Ihre Wirkung hängt davon ab, wie wir sie gestalten.
Wenn KI pädagogisch durchdacht, datenschutzsensibel und kritisch eingesetzt wird, kann sie Teilhabe ermöglichen und Lernwege öffnen. Wenn sie unreflektiert eingesetzt wird, kann sie Ungleichheiten verstärken. Deshalb brauchen wir Lehrkräfte, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen, miteinander Erfahrungen teilen und den Mut haben, neue Wege verantwortungsvoll zu erproben.
Denn Bildungsgerechtigkeit bedeutet auch: Kein Kind darf bei den gesellschaftlichen Entwicklungen unserer Zeit zurückgelassen oder alleinegelassen werden.



